V.A. – Shimmer – A Selection by Boozoo Bajou Vol.1

– Album-Veröffentlichung am 15. September 2017 –
 

Was macht eine wahrhaft gute Mix-CD aus? Der britische Musikjournalist Tony Naylor hat es mal so treffend zusammengefasst: „Die Auswahl der Stücke ist natürlich ausschlaggebend. Aber für mich geht ein langlebiger Mix viel weiter. Er entwickelt und mutiert klanglich, aber stets in seinem klar erkennbaren Idiom. Er wird auch durch die einfühlsame Verkettung der Tracks ganz genaue Stimmungen hervorrufen, Atmosphären, Orte und Erinnerungen. Er wird ein Statement sein.“ „Shimmer“ setzt ein Häkchen hinter jeden dieser Sätze. Aber dazu später mehr.

Seit beinahe 20 Jahren hat das Nürnberger Duo Florian Seyberth und Peter Heider als Boozoo Bajou die Spielregeln von Downtempo und TripHop, Ambient und Chill Out, in regelmässigen Intervallen um ihre ganz eigene Sprache erweitert. Das Debüt-Album „Satta“ (2001, Stereo Deluxe) verwirkte auf unwiderstehliche Art die schwüle Trägheit des Südstaaten Swamp Blues und afrobrasilianische Percussion mit Downbeat-Finesse. Für das follow-up Album „Dust My Broom“ (2005, !K7) konnten sie ihren Kultstatus nutzen, um einige Größen der Musikgeschichte wie Soullegende Willie Hutch oder Bluesmusiker Tony Joe White als Gäste zu gewinnen. Nach dem organischen Album „Grains (2009, !K7) folgte 2013 ihr letztes Studioalbum „4“ (Apollo), das vielleicht fordernste Werk aus schwebenden Ambient und tiefen, kristallinem Dub.

Zwischen den Studioalben waren es drei exzellente Mix Compilations, die uns Einblick in ihren weitreichenden musikalischen Kosmos gaben: „Juke Joint“(2003), „Juke Joint II“ (2006) und die Club-orientierte „Coming Home“ CD (2010). Mit jeder weiteren Veröffentlichung wuchsen nicht nur das Ansehen und die Anerkennung der Fachpresse – es entstand auch ein gewisses Mysterium um das Duo. War im inneren des Debüt-Albums „Satta“ noch ein (stark reduziertes) Foto der Musiker zu sehen, so verschwanden Peter Heider und Florain Seyberth in der Folge immer stärker hinter ihrem dicht gewobenen Netz aus Sounds und feinmaschigen Vibes. Das schon in den Techno-1990ern postulierte Ende des Rock-Starkultes zugunsten der reinen Musik: Bei Bozoo Bajou ist es die konsequent durchgeführte Prämisse ihres Schaffens.

„Shimmer“ ist die vielleicht radikalste Umsetzung dieses Strebens: Ein Destillat des reinen Vibes. Ein klar definiertes Klanguniversum. Ein Gefühl. Dabei ist es nicht nur die Qualität der Songauswahl, die „Shimmer“ zu einem musikalischen Erlebnis macht. Es ist die Erkenntnis, dass die 11 Stücke, die aus verschiedensten Dekaden und von Künstlern aus allen Ecken der Welt auf dem Papier unvereinbar wirken, ein roter Faden verbindet.

Das Eröffnungsstück „New Pastoral Life“ (2016) der japanischen Band Minami Deutsch eröffnet die akustische Reise in die Tiefen des Boozoo Bajou Kosmos mit psychedelischen Flächen und einer unverkennbaren Prise Krautrock-Spirit. Der knackige Synth-Bass des Tracks „Giant Hug“ (2013) vom Berliner Max Loderbauer erweitert die sphärische Stimmung um eine elektronische Klarheit, gefolgt vom epischen Elektro-Kraut-Epos „Wand aus Klang“ (2009) des Kölner Duos Burger/Voigt. Spätestens jetzt hat die akustische Hypnose ihre Wirkung voll entfaltet, und das israelische Duo Red Axes setzt die Reise in die Deepness mit „Spider Feel“ (2015) mühelos fort.

Gekonnt setzt „Shimmer“ nach dem Trip-House Stück „Phase Out“ (2009) von Odd Machine aka Ricardo Villalobos & Tobias Freund einen Ruhepunkt mit dem wegweisenden Ambient-Track „MX Home“ (2016) des Hannoveraners Leafar Legov. Und dann wird das musikalische Vokabular von „Shimmer“ erweitert: Gitarren. Erst noch durch ein Rückwärts-Echo gejagt (bei „Lineri“ (2014) von The Notwist ), verströmt die Gitarre eine ergreifende Melancholie in „This Sadness Lacks“ (2015) der britischen Band The Declining Winter. Ganze 20 Jahre früher entstand der Track „Rutti“ der Shoegaze-Originale Slowdive aus Reading. Endlos schwebender Hall trägt den Hörer sanft zum Finale des Mixes: einem intimen, traurigen Gitarrenstück des Haitianers Frantz Casséus aus dem Jahre 1954 (!)

Und mit dem letzten Klang eines zarten Glissandos erkennt der Hörer, dass er gerade Zeuge eines dieser großartigen - aber seltenen Momente im Leben geworden ist: Wenn die Musik in allen ihren Formen die Essenz des Lebens besser erfassen kann, als es Worte jemals ermöglichen. Dies ist es, was „Shimmer“ zu einer wahrhaften großartigen und zeitlosen Mix-CD macht.

 

Tracklisting:

1. Minami Deutsch – New Pastrol Life
2. Max Loderbauer – Giant Hug
3. Burger/Voigt – Wand aus Klang
4. Red Axes – Spider Feel
5. Burnt Friedman w/ Daniel Dodd-Ellis – Clock Version
6. Odd Machine – Phase Out
7. Leafar Legov – MX Home
8. The Notwist – Lineri
9. The Declining Winter – This Sadness Lacks
10. Slowdive – Rutti
11. Frantz Casseus – Suite No. 1: Petro

 

Artist:V.A.
Titel:Shimmer – A Selection by Boozoo Bajou Vol.1
Release Date:    15. September 2017
Label:Stereo Deluxe
Vertrieb:Warner
Format:    CD im Digipack, Download & Stream
Artikelnummer:    5054197728624